Jüdische Feste
Pessach
(dieses Jahr: vom 6. April abends bis zum 14. April)
Oft heisst es: Pessach ist das jüdische Ostern. Richtiger wäre: Ostern ist das christliche Pessach. In der Tat ist Ostern eine "Verchristlichung" von Pessach - was schon durch die Bedeutung des Begriffs Pessach nachvollziehbar wird. Wörtlich heisst "Pessach" nämlich: Überschreitung. Beim christlichen Osterfest geht es um die Überschreitung bzw. Überwindung des Todes durch die Auferstehung. So wird verständlich, weshalb das Osterfest in vielen Sprachen auch noch nach dem hebräischen Pessach benannt wird.
Den Namen hat das Pessach-Fest von einer Episode in der biblischen Erzählung vom Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, die auch in Zusammenhang mit einer Überwindung des Todes steht: der letzten der zehn biblischen Plagen. Bei dieser Plage ging es um den Todesengel, der die Kinder Israels verschonte, als er in Ägypten alle Erstgeborenen dahinraffte – der Todesengel überschritt die Häuser der Juden (die entsprechend von ihren Bewohnern für den Auszug aus Ägypten vorbereitet wurden).
Der Auszug aus Ägypten - Exodus - ist im Judentum ein zentrales Motiv. Das Pessach-Fest erinnert alljährlich an dieses große Ereignis - im wahrsten Sinn werden die einzelnen Episoden verinnerlicht, und zwar durch Rituale, die wie die Liebe durch den Magen gehen: bei einem großen Festessen wird die Geschichte erzählt (nach einem uralten Text, der sich Haggada nennt, was "Erzählung" heißt), wobei sich die Speisenfolge der Erzählung anpasst. Beides geschieht nach einer festen Ordnung – was dem Festessen seinem Namen gibt: Seder ("Ordnung"). Der Seder-Abend findet beim ersten Vollmond im Frühling statt – entsprechend dem biblischen Exodus. Aus diesem Grund wird Pessach auch als "Frühlingsfest" (Chag ha-Aviv) bezeichnet – schließlich eignet sich der Frühlingsbeginn bestens als Zeitpunkt, an die eigene Befreiung nachzudenken. Da ist auch ein weiterer Name für das Fest nicht weit: "Fest der Freiheit" (Chag ha-Cherut).
Pessach hat noch einen vierten Namen: In der Torah heisst es "Fest der ungesäuerten Brote" (Chag ha-Mazzot) – zur Erinnerung an die Eile, in der der Auszug stattfand: Es gab nicht einmal genug Zeit, um richtiges Brot für die lange Reise vorzubereiten. Das ungesäuerte Brot (Mazza) gehört zu den rituellen Speisen, die aus Erinnerung eine Verinnerlichung machen. Ein anderes Beispiel der rituellen Speisen ist das sogenannte "Bitterkraut" zur Erinnerung und Verinnerlichung der bitteren Zeit der Sklaverei. In unseren Breiten wird dazu Meerrettich gereicht. An die vergossenen Tränen erinnert einfaches Salzwasser, in einer Schale gereicht, in welches "Erdfrucht" getunkt wird - zur Erinnerung an die karge Sklavenmahlzeit. Als "Erdfrucht“ kommt etwa Petersilie in Frage: Ein Gewächs, welches in Bodennähe vorkommt und damit die Erniedrigung durch Sklaverei darstellt. Im Dienst Pharoahs schufteten die Sklaven in Schlammgruben, um Ziegelsteine zu formen. Ein Brei aus Apfelmus, Zimt, geriebenen Nüssen und Wein erinnert daran. Erst nach Verzehr dieser rituellen Speisen kommt mit einem festlichen Menu das Symbol der Freiheit.
Pessach beginnt also mit dem Seder, welches seinem Wesen nach einem Symposion im antiken Griechenland gleicht. Zu einem Symposion gehört ein Thema (hier: der Exodus), gutes Essen und Trinken (hier: das Festmahl, inklusive ritueller Speisen und Wein), Unterhaltung (hier: Gesänge zum Exodus und der jüdischen Tradition, sowie Spiele für die Kleinen); und natürlich gute Gäste. Als Gast ist immer auch der Prophet Elias eingeladen, für den ein Gedeck bereitsteht – falls er kommt (davon gehen wir freilich aus), um unsere vollständige Erlösung zu verkünden. Für diesen Propheten der Erlösung steht auch ein festlicher Becher Wein bereit.
Wein ist das Getränk der Freiheit und "erfreut des Menschen Herz" (so der Talmud). Im Laufe des Seders wird vier mal Wein getrunken – als Verinnerlichung der vierfachen Verheissung auf Erlösung in der Exodus-Erzählung. Beim festlichen Vortragen der Haggada entnimmt jeder Seder-Teilnehmer aus seinem Becher zehn Tropfen heraus. Jeder dieser Tropfen steht für einen der zehn biblischen Plagen, die laut aufgezählt werden. Zudem soll die Freude, die der Wein darstellt, um ebenjene Tropfen vermindert werden, die symbolisch für das Leiden der Ägypter an den Plagen stehen – hier wird wieder erinnert durch Verinnerlichung: die Freiheit des Einen ist immer auch zu messen an der Freiheit des Anderen; oder: des Einen Freud' ist zuweilen auch des Anderen Leid. Überhaupt hat der Seder-Abend eine humanistische Grundstimmung. Zusammen mit der Festlichkeit, der Freude und der vielen Rituale ist es diese Stimmung, die erklärt, weshalb gerade Pessach das am meisten gefeierte Fest im Judentum ist: es gibt kaum einen Juden, der nicht irgendwie Pessach feiert – so beliebt und wichtig ist das Fest, welches ja auch wie kaum ein anderes die jüdische Identität prägt. Das Bewusstsein, einst Sklave gewesen zu sein, wird zu Pessach geschärft, ja im wahrsten Sinn durch die rituellen Speisen verinnerlicht – und damit auch hehre Werte: Neben Mitgefühl für den Nächsten und ein Bewusstsein für geschichtliche Abläufe auch die Erkenntnis, dass Freiheit ein hohes Gut ist und stets aufs Neue errungen werden muss – sonst droht ihr Verlust oder gar ein Rückfall in die Sklaverei.
Lieber freudig und festlich Pessach feiern als das!
Dieses Jahr ist der erste Vollmond im Frühling – und damit der erste Sederabend - am Abend des 6. April. Chag Same’ach (frohes Fest) wünscht
Familie Rabbiner Steiman
Purim 5772/ 2012:
Das Wort "Purim" bedeutet "Lose" – deshalb wird dieses fröhliche Fest oft auch als Losfest bezeichnet. Diesen Namen hat das Fest durchaus verdient, denn Lose spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte, um die es zu Purim geht: die biblische Geschichte der Königin Esther. Im Mittelpunkt steht die sagenhafte Rettung der Juden im persischen Königreich vor rund 2500 Jahren.
Diese spannende Geschichte aus dem biblischen Buch "Esther" wird alljährlich am Ende der Winterzeit in den Synagogen weltweit rituell vorgelesen. Das Besondere an diesem Ritual: Die Gemeinde bringt sich mit ein – mit Krach! Der Grund: In der Geschichte kommt ein Bösewicht vor, und jedes Mal, wenn sein Name erwähnt wird, schlägt die Gemeinde eben Krach, um ihr Missfallen über den Bösewicht zum Ausdruck zu bringen und dabei seinen Namen auszulöschen. So gerät der Übeltäter nicht in Vergessenheit, während zugleich sein Name untergeht. Und das alles bei freudiger Stimmung.
Die Gemeinde soll eben ihren Spaß haben, zu sehen, wie die üblen Pläne des Fieslings Haman nach und nach gegen ihn selbst umschlagen – wie das Los sich also wendet. Durch Lose wollte er zuvor bestimmen, an welchem Datum alle Juden im damaligen Persien ermordet werden sollten – aber das Los wendet sich, und an diesem Datum findet er selbst sein Ende; frei nach dem Motto: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. In seinem Fall war es ein Galgen, den er für einen anderen hat bauen lassen: für Mordechai, den Juden, der durch seine Zivilcourage den Despoten zur Bedrohung wird.
Das Los fiel auf das Datum, welches mit dem ersten Vollmond nach dem Winter zusammenfällt. Seither wird eben Purim an diesem Datum gefeiert - seit über 2500 Jahren!
Nicht ganz so lange sind auch wir in der Budge-Stiftung mit dabei. Jedes Jahr feiern wir dieses fröhliche Fest zusammen als Juden und Christen - ausgelassen und beschwingt, wie es seit Tausenden von Jahren Brauch ist.
Zum Brauchtum gehört es, ausgelassen zu feiern. Dabei kann man sich auch verkleiden, denn keine Geringere als die Königin Esther hielt ihre wahre Identität versteckt, bis der richtige Moment für die Offenbarung ihrer Herkunft kam.
Tu biSchwat:
Neujahr der Bäume Neujahr gibt es mehr als einmal im Jahr. Der Talmud zählt vier ver-schiedene "Neujahre" auf, dazu kommt ja noch das neue Jahr im Zivilkalender. Als Jude bringt man es also fünf "Neujahre" im Jahr!
Eins der "Neujahre" ist Tu biSchwat, auch "Neujahr der Bäume" genannt. Wenn im Heiligen Land der Winter zu Ende geht (mit hoffentlich viel Regen), ist der Boden am reichsten; da fühlen sich die Bäume richtig wohl. Sie sind von einem Jahr der Hitze erholt, und gerüstet für ein vor ihnen liegendes Jahr mit wieder viel Hitze.
Weil es den Bäumen dann gut geht, sollen sich die Menschen ruhig mitfreuen; schließlich haben uns die Bäume viel zu bieten. Wir leben mit ihnen ja in wechselseitiger Abhängigkeit: was wir einatmen, atmen die Bäume aus und umgekehrt. Diese Symbiose ist ein Ausdruck des Schöpfungsmusters aus der Bibel, zu dem immer ein "einerseits" und ein "andererseits" gehört.
Eine ausgewogene Beziehung zu Bäumen und Pflanzen ist also Ausdruck des Schöpfungsmusters und damit Grundlage unserer Existenz. Wenigstens einmal im Jahr soll uns das bewusst werden - deshalb gibt es eben im jüdischen Kalender diesen Tag; an dem die Bäume die Menschen dazu einladen, sich mit ihnen über das frische (und hoffentlich viele) Wasser - ebenfalls Grundlage unserer Existenz - zu freuen.
Natürlich sind dann auch wir in der Budge-Stiftung alle dazu eingeladen. Anlässlich Tu biSchwat haben wir auch schon mal vor unserem Haus einen ganz besonderen Baum gepflanzt: Einen Ginko-Baum. Inzwischen hat er seinen festen Platz bei uns.
Wir Juden und Christen pflanzen zusammen weiter: mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds (KKL) werden wir auch Bäume in Israel pflanzen, als lebendige Brücke zwischen uns und dem Heiligen Land. Der Deutschland-Delegierter des KKL kommt zu uns, um mit uns zu feiern. Wir werden auch von den köstlichen Früchten unserer schattenspendenden und wasserspeichernden Freunden geniessen:
Am Mittwoch, den 8. Februar 2012, um 15.00 Uhr
findet im Rosl-und-Paul-Arnsberg-Festsaal (II. Stock)
eine Tu biSchwat-Feier statt.
Frische Früchte, frische Säfte, Obsttorten,
frischer Kaffee und frische Laune erwarten uns.
Alle sind herzlich eingeladen.
Jeder kann bei der Feier eine Spende nach seinen eigenen Möglichkeiten tätigen. Vom Erlös werden Bäume im Heiligen Land in unserem Namen von israelischen Schulkindern gepflanzt. Damit schaffen wir eine lebendige Brücke zwischen uns und Israel und drücken unsere Hoffnung aus für eine bessere Zukunft dort. Und ganz nebenbei tun wir auch etwas für unser aller Klima. Das Ergebnis der Spendenaktion wird in einer Urkunde neben denen aus früheren Jahren seinen würdigen Platz bei uns im Hause finden.
Rabbiner A. Steiman

