Rosch HaSchana 5778

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Das biblische Neujahr findet immer statt beim ersten Neumond im Herbst. Das steht so in jeder Bibel (Lev. 16); aber nur im Judentum wird es auch entsprechend gefeiert. Der Jahreswechsel findet in jener herbstlichen Neumondnacht statt, aber nicht etwa um Mitternacht, sondern bei Sonnenuntergang. Das war am Mittwoch, dem 20. September, um 19 Uhr herum. Zu dieser Zeit war die hauseigene Synagoge der Budge-Stiftung bis auf den letzten Platz besetzt; jüngere Besucher standen im Eingang zum Gebetsraum auch auf der Galerie, um den Gottesdienst zu folgen. So wird der Jahreswechsel im Gebet und nicht etwa mit Böllerei verbracht.

synagogerechts im Bild: Rabbiner Dr. Katz mit Rabbiner Andrew Steiman

Das Jahr soll auch süß beginnen; so ist es Brauch, nach dem Festgottesdienst sich auch festlich zu Tisch zu setzen und mit in Honig getunkte Apfelscheiben das Festessen zu beginnen.
Geschäftsführer Thorsten Krick begrüßte die Bewohner, die Gäste und die Mitarbeiter im festlich geschmückten Rosl-und-Paul-Arnsberg-Saal und freute sich über die Möglichkeit, diesen Tag mit allen gemeinsam zu feiern.

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Dem Brauch des Hauses folgend, wies er zum Neuen Jahr auf Neuigkeiten rund um die Budge-Stiftung hin. Zum einen steht eine Veränderung im Bereich des hauseigenen Cafés an, die mit Bauarbeiten einhergehen: das Café wird erweitert, um dann im neuen Kalenderjahr neu zu eröffnen. So wird das biblische Neujahr mit dem Kalenderjahr verbunden. Verbunden werden dann auch das Café und der Kiosk zu einer Einheit. Erweitert wird damit nicht nur insgesamt das Angebot, sondern auch die Öffnungszeiten.  Ebenfalls im neuen Glanz soll bis dann auch die äußere Stützmauer des Hauses zur Straße hin erscheinen. In den letzten fünfzig Jahren, so Heimleiter Krick, wurde diese Wand von „wenig talentierten Graffitti-Künstlern“ verunstaltet.  Die Reinigungsarbeiten begannen zeitgleich mit dem Jahr 5778. Die neue Gestaltung der Stützmauer bedeutet für eine jüdische Stiftung mehr als eine Äußerlichkeit. Ihre Erhaltung folgt dem Beispiel der berühmtesten Stützmauer der Welt: die als „Klagemauer“ bekannte Stützmauer des Tempels von Jerusalem. Vielleicht kommen dann auch in Hunderten von Jahren die Menschen von weit her, um unsere erhaltene Stützmauer wie die in Jerusalem zu bestaunen, so Krick.

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Nach diesen heiteren Ansagen ist es nur folgerichtig, dass die Stimmung beim Neujahrsessen ausgesprochen freudig war. An allen Tischen wurde gelacht und sich gegenseitig mit lauten „L’Chaijim“-Rufen zugeprostet. Den Weinsegen sprach Rabbiner Dr. Katz, ein persönlicher Gast unseres Rabbiners. Beide kommen aus New York und bringen die dort üblichen Neujahrsbräuche mit sich zum Festessen im Hause Budge. Budges dürften während ihrer Zeit in New York selbst auch den in der Neuen Welt üblichen alte jiddischen Brauch gekannt haben, zum traditionellen Fischgericht auch auf die Möhren hinzuweisen, die auf Jiddisch „Mehren“ heißen – und damit kulinarisch unseren Wunsch zum Ausdruck bringen mag, dass sich der Neujahrssegen „mehren“ soll im Laufe des Jahres. An der Stimmung im Saal gemessen, zeigte schon der rabbinische Hinweis darauf seine gute Wirkung.

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Segen gab es auch ganz besonderer Art mit der Namensgebung eines neugeborenen Kindes beim Neujahrsgottesdienst. Gerade in einem Haus, in welchem das Durchschnittsalter bei 80 Jahren und darüber liegt, ist eine Namensgebung mehr als eine Bereicherung. Es handelte sich um die zweite Tochter der Familie Rabbiner Steiman. Als der Name des Kindes mit entsprechendem Segen vor der offenen Torah-Lade in der vollbesetzten Synagoge verkündet wurde, brach Jubel und Gesang unter den Betenden aus. Einige reichten sich die Hände zu einer „Hora“ um das Vorbeterpult. Anwesende nicht-jüdische Gäste, die erstmals einem jüdischen Neujahrsgottesdienst beiwohnten, waren sichtlich von so einem Ausbruch an Freude im Gottesdienst überrascht, ebenso von einem Ständchen eines jungen Gasts des Hauses während des Festessens. Es sind genau solche Momente, welche vom tiefen Wert unserer Stiftung zeugen und dem Wunsch der Stifter, den sie schon vor hundert Jahren äußerten, dass Juden und Christen aneinander teilnehmen. Nirgendwo in Deutschland sei das so in dieser Art möglich und sogar selbstverständlich.
Gerade für die Generation bei uns, welche die Schreckenszeit überlebt hat, ist mehr als ein Trost, derartige Verbundenheit zu erleben. Viele angeregte Tischgespräche in freudiger Atmosphäre zeugten davon und führten so in das Neue Jahr.
Möge es ein Jahr weiterer freundschaftlicher Begegnungen ganz im Sinn unserer Stifter, dem Ehepaar Budge, sein; ein Jahr der Gesundheit und des Glücks für alle unserer Bewohner, Mitarbeiter und Gäste; und endlich auch ein Jahr des Friedens!